Amelie Fried schreibt keine Frauenliteratur

Autorin las bei Ostendorf aus Roman

Ahlen - Auf das Wort Frauenliteratur reagiert Amelie Fried allergisch. Um sich von dem Odem dieses Begriffs gleich zu befreien, bemühte die Autorin Marcel Reich-Ranicki, den sie in einer ihrer Talkshows einmal kess gefragt hatte, was er denn unter Frauenliteratur verstehe. Da schien der 2013 verstorbene Literaturpapst für ein paar Sekunden wieder auferstanden zu sein, als Amelie Fried ihn zitierte: „Frauenliteratur? Was soll das sein? Ich kenne nur gute und schlechte Literatur.“

Damit war dieses Thema am Dienstagabend während der Lesung der gebürtigen Ulmerin beim Frage-Antwort-Ping-Pong mit VHS-Leiter Rudolf Blauth im Autohaus Mercedes Ostendorf ein für alle Mal vom Tisch.
Ansonsten konnte die bekannte Moderatorin („Live aus dem Alabama“, „3 nach 9“, „Die Vorleser“) nicht dementieren, dass sie als Elfjährige in einen Stefan verknallt war, der mit der Explosivkraft von Orangensäften experimentierte und im gleichen Alter auf die Odenwaldschule wechselte, weil sie für sich beschlossen hatte, dass ihre beiden Brüder zu „lästig“ waren. „Es war für mich eine tolle Zeit“ sagte Fried über ihre Schulzeit an der Odenwaldschule. Von den Missbrauchsvorwürfen habe sie erst später erfahren und sich auch öffentlich für rückhaltlose Aufklärung eingesetzt, wie in einem in der FAZ vom 14. Juni 2010 veröffentlichten Artikel mit der Überschrift „Über die Odenwaldschule: Die rettende Hölle“ nachzulesen ist.
Das Thema Missbrauch wird in ihrem Roman über die 13-jährige India, die mit ihrem Bruder Ché bei ihren Hippie-Eltern aufwächst, nur kurz gestreift. India ist musikalisch hochbegabt und gehört zu den seltenen Menschen, die Musik auch über die Haut aufnehmen (Synästhesie).
Aufgewachsen ist Amelie Fried selbst in einem gebildeten Elternhaus: Der Vater war Verleger und verfügte mit seiner eigenen Galerie über vielerlei Kontakte in die Kunstszene. Die in den Jahren entstandene Kunstsammlung umfasst 400 Werke namhafter nationaler wie internationaler Künstler und ist bis April nächsten Jahres im Museum Ulm zu sehen. „Sie wird zum ersten Mal öffentlich gezeigt“, betonte Amelie Fried.
„Ich bin ein areligiöser Mensch“, sagte die Publizistin über sich selbst, als Blauth sie auf ihren jüdischen Großvater anspricht. Der Großvater sei aber, um seine Frau heiraten zu können, zum Christentum übergetreten. Das Thema Nationalsozialismus, Verfolgung, Deportation und Ermordung habe bei den Gesprächen im Elternhaus keine Rolle gespielt, obwohl zehn ihrer Verwandten, darunter ein Großonkel und seine Ehefrau, im KZ ermordet worden sind. Der Großvater selbst sei in einem Außenlager des KZ Buchenwald festgesetzt worden, wovon sie erst viel später erfahren habe.
Warum sie unter die Schriftsteller gegangen ist? Ein Nachbar habe ihr und ihrer Familie zeitweise das Leben zur Hölle gemacht. Aber anstatt ihn im ersten Zorn um die Ecke zu bringen, habe sie beschlossen, lieber zu schreiben. Dem Querulanten hat sie im Buch „Der Mann von nebenan“ literarisch ein Denkmal gesetzt, das später mit Axel Milberg in der Hauptrolle verfilmt worden ist. Danach habe sich der Mann nicht mehr aus seinem Haus getraut und sei irgendwann weggezogen. Schlusspunkt.